4 Verbindungssuche anhand gewichteter Kriterien
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In den vorangegangenen Kapiteln wurden die Möglichkeiten der Fahrplandarstellung
in Netzplänen sowie die Verbindungssuche nach diversen Kriterien mit
Hilfe dieser Netzpläne dargestellt. Verbindungen wurden bisher jedoch
entweder nach einem einzigen Kriterium gesucht oder aber hierarchisch nacheinander
nach verschiedenen Kriterien. Wie bereits erläutert wurde, findet
aber bei der hierarchischen Suche keine Abwägung zwischen den einzelnen
Kriterien statt. Weiters wurde die Notwendigkeit von Mindestabstandszeiten
für Umsteigevorgänge erwähnt, ohne bisher weiter darauf
einzugehen.
In diesem Kapitel werden nun Möglichkeiten diskutiert, wie die
notwendigen Mindestabstandszeiten ermittelt und verschiedene konkurrierende
Anforderungen an eine gesuchte Verbindung berücksichtigt werden können
4.1 Anschlußsicherung
durch Mindestabstandszeiten
Wichtigste Forderung bei der Suche einer optimalen Verbindung ist die Gewährleistung
der Anschlüsse. Es ist wenig sinnvoll, theoretisch vorhandene Verbindungen
zu ermitteln, die knapp bemessene Umsteigebeziehungen mit wenigen Minuten
an großen Knotenbahnhöfen beinhalten. Verschärft würde
die Situation dann noch, wenn nicht abgewartete Verspätungen drohen,
der Fahrgast bezüglich des Umsteigebahnhofes keine Ortskenntnisse
besitzt, körperlich eingeschränkt oder unerfahren ist.
Hier ist es oft besser, für denselben Anschluß einen früheren
Zubringer oder für denselben Zubringer einen späteren Anschluß
zu wählen. Dies kann durch Festlegung entsprechender Mindestabstandszeiten
geschehen. Diese sollten sich sowohl nach betrieblichen Gegebenheiten als
auch nach fahrgastspezifischen Anforderungen richten. Es muß natürlich
ein Kompromiß zwischen der Sicherheit eines Anschlusses und dem dafür
nötigen Zusatzaufwand gefunden werden.
4.1.1 Betriebliche Einflußfaktoren
Diese Faktoren müssen vom Verkehrsunternehmen ermittelt und in die
Mindestabstandszeit entsprechend eingearbeitet werden.
Räumliche Gegebenheiten
Die räumlichen Verhältnisse auf dem Umsteigebahnhof haben großen
Einfluß auf den Zeitbedarf beim Umsteigen. Ein Anschluß in
einem Regionalbahnhof oder auf dem Nachbargleis desselben Bahnsteiges ist
weniger problematisch als ein Anschluß in einem Großstadtbahnhof
fünf Bahnsteige weiter. Zusätzliche Verzögerungen können
sich beispielsweise ergeben, wenn der Umsteigebahnhof gleichzeitig Grenzbahnhof
ist.
Verspätungsanfälligkeit
Die einzurechnende Zeitreserve sollte sich weiters nach der Verspätungsanfälligkeit
des Zubringers richten. Sehr fahrplantreue, pünktliche Zubringer lassen
mit vertretbarem Risiko engere Zeitreserven zu als solche, die sich erfahrungsgemäß
sehr oft verspäten. Um diesen Sachverhalt zu berücksichtigen,
muß jede Teilverbindung eine Pünktlichkeitsbewertung erhalten.
Daß die Beschaffung der nötigen Informationen je nach Betriebsorganisation
schwierig sein kann, soll hier nur am Rande erwähnt werden. Man könnte
aber zumindest bekannte, immer wiederkehrende Verspätungen erfassen.
Auch wenn beispielsweise aufgrund von Baumaßnahmen oder anderen Umständen
Verspätungen von vorneherein absehbar sind, könnte dies in die
Bewertung einfließen.
Abwarteverhalten des Anschlusses
In vielen Fällen warten Anschlüsse ihre verpäteten Zubringer
zumindest eine gewisse Zeit ab. Dies wird aber sehr unterschiedlich gehandhabt.
Umsteigerelationen zwischen Regionalzügen auf kleinen Bahnhöfen
sind meist sehr sicher. Auch beim Umsteigen von einer Fernverbindung zum
Regionalverkehr ist das Risiko eines verpaßten Anschlusses weit geringer
als umgekehrt. Hingegen werden innerstädtischer Verkehr einerseits
sowie Regional- und Fernverkehr andererseits meist unabhängig voneinander
betrieben.
4.1.2 Fahrgastabhängige Einflußfaktoren
Die nach den betrieblichen Gegebenheiten ermittelten Mindestabstandszeiten
könnten nun durch den Fahrgast entsprechend seinen Vorstellungen modifiziert
werden.
Wenn der Fahrgast als Ergebnis eine Verbindung über eine ihm bekannte
Strecke oder mit ihm bekannten Umsteigebahnhöfen erwartet, kann er
entsprechend knappere Anschlüsse zulassen. Wenn er einen guten Orientierungssinn
hat und sich auch auf unbekannten Umsteigebahnhöfen schnell zurechtfindet,
kann er das bei entsprechender Risikobereitschaft ebenfalls tun.
Ist der Fahrgast aber beispielsweise körperlich eingeschränkt
oder in der Benutzung des jeweiligen Verkehrsmittels unsicher, kann er
allzu knappe Anschlüsse auch unterbinden.
4.1.3 Wirkung der Mindestabstandszeit
Anhand des 3. Beispieles aus
dem Kapitel Problemdarstellung soll
nun die Wirkung unterschiedlicher Mindestabstandszeiten gezeigt werden.
Berücksichtigung der Mindestabstandszeit
Die ursprünglich vom Auskunftssystem vorgeschlagene Verbindung
besteht aus den (hellblau) gerasterten Teilverbindungen. Es wird ein Fünfminutentakt
für die U-Bahn und ein Vierminutentakt für den betrachteten S-Bahn-Streckenabschnitt
angenommen. Zur Veranschaulichung sind die einzelnen Taktfahrten von U-
und S-Bahn separat dargestellt. Der etwas kritischen Umsteigebeziehung
am Ostbahnhof wird nun mit einer Mindestabstandszeit von 10 Minuten Rechnung
getragen. Dies führt nun zu der dicker gezeichneten Verbindungsempfehlung,
die sehr viel praxisnäher ist.
4.2 Gewichtung unterschiedlicher Verbindungssuchkriterien
Daß im Falle mehrerer zu berücksichtigender Kriterien eine hierarchische
Suche, wie sie im entsprechenden Abschnitt des Kapitels Verbindungssuche
beschrieben wird, unbefriedigende Ergebnisse liefert, wurde dort bereits
beschrieben. Stattdessen sollen alle Auswahlkriterien gleichzeitig betrachtet
werden, wobei die Gewichtung vom Fahrgast gewählt werden kann. Auf
diese Weise kann er beispielsweise primär nach schnellen Verbindungen
suchen und dabei sehr wohl einen höheren Fahrpreis in Kauf nehmen,
ohne diesen aber vollkommen außer Acht zu lassen. Die wichtigsten
Auswahlkriterien sind:
-
möglichst geringe Fahrzeit
-
möglichst geringe Fahrtkosten
-
möglichst wenig Umsteigevorgänge
-
(möglichst großzügige Umsteigezeitreserven)
Aus diesen Kriterien muß für die Verbindungssuche eine Gesamtbewertung
für die einzelnen Teilverbindungen gefunden werden. Da es sich bei
diesen Kriterien um völlig unterschiedliche Größen handelt,
müssen diese unter Berücksichtigung der anzuwendenden Gewichtung
in eine einheitliche Skala überführt werden. Dies soll vorerst
am Beispiel der Abwägung Fahrpreis kontra Fahrzeit und danach an einem
etwas komplexeren Beispiel gezeigt werden.
4.2.1 Abwägung Fahrzeit kontra Fahrpreis
Anhand des 1. Beispieles aus
dem Kapitel Problemdarstellung soll
nun die Abwägung zweier Kriteriengewichte, in diesem Fall die Fahrzeit
und der Fahrpreis des Normaltarifes, gezeigt werden.
Erst werden nach jeweils einem der zu untersuchenden Kriterien die optimalen
Verbindungen ermittelt, in diesem Beispiel also die schnellste und die
billigste. Die schnellste Verbindung ist diejenige über Göttingen,
als billigste wird hier die Direktverbindung über Jena angenommen.
Aus den gefundenen Verbindungen werden nun die jeweiligen Werte für
Fahrzeit und Fahrzeit entnommen und auf eine einheitliche Skala abgebildet.
Hier soll diese Skala von Null bis 100 reichen. Die so standardisierten
dimensionslosen Werte für die beiden Verbindungen lauten:
| Verbindung |
standardisierte
Fahrzeit |
standardisierter
Fahrpreis |
IC 806
ab München Hbf 6:52, an Berlin Zoo 14:19
7:27 Stunden
DM 176.- inkl. IC-Zuschlag |
100 |
70,4 |
ICE 682
ab München Hbf 7:14, an Göttingen 10:56
ICE 694
ab Göttingen 11:05, an Berlin Zoo 14:01
6:47 Stunden
DM 250.- |
91,05 |
100 |
Danach werden die so ermittelten Werte mit bestimmten Gewichtsfaktoren
versehen und aufaddiert. Diese Summe stellt nun die Bewertung der Gesamtaufwendungen
der jeweiligen Verbindung hinsichtlich der zugrundegelegten Kriterien und
entsprechend der gewählten Gewichtungen dar. Die Verbindung mit der
geringsten Bewertung ist diesbezüglich optimal. Um die Vergleichbarkeit
zu gewährleisten muß die Summe aller Gewichte immer gleich gewählt
werden, hier und in weiterer Folge wird der Wert Eins gewählt.
Nachstehend sieht man nun zwei Bewertungen der beiden Verbindungen im
Vergleich. Bei der ersten Bewertung werden der Fahrzeit und dem Fahrpreis
gleiche Bedeutung beigemessen, sie erhalten jeweils das Gewicht 0,5 (=50%).
Bei der zweiten Bewertung wird einer kurzen Fahrzeit eine erheblich größere
Bedeutung beigemessen, nämlich 0,8 (=80%).
| Verbindung |
50% Fahrzeit
50% Fahrpreis |
80% Fahrzeit
20% Fahrpreis |
IC 806
ab München Hbf 6:52, an Berlin Zoo 14:19 |
100*0,5+70,4*0,5 =
85,2 |
100*0,8+70,4*0,2 =
94,08 |
ICE 682
ab München Hbf 7:14, an Göttingen 10:56
ICE 694
ab Göttingen 11:05, an Berlin Zoo 14:01 |
91,05*0,5+100*0,5 =
95,525 |
91,05*0,8+100*0,2 =
92,84 |
Im ersten Fall wird die etwas langsamere, aber erheblich billigere
Direktverbindung als optimal angesehen. Im zweiten Fall, in dem die Fahrzeit
die Hauptrolle spielt, wird der ICE-Verbindung knapp aber doch der Vorzug
gegeben.
4.2.2 Abwägung von Fahrzeit, Fahrpreis, Umsteigehäufigkeit
und Umsteigezeitreserven
Für einen Fahrgast kann auch ein möglichst "streßarmes"
Umsteigen wichtig sein, wenn es sich schon nicht vermeiden läßt.
Bisher wurden die Zeitverhältnisse nur mit Hilfe der Mindestabstandszeiten
nach dem Motto "Alles-oder-Nichts" berücksichtigt. Besonders wenn
mehrere ansonsten annähernd gleichwertige Verbindungsalternativen
verfügbar sind, kann es interessant sein, diejenige mit den großzügigeren
Umsteigezeiten herauszusuchen.
Als zusätzliches Kriterium für die Gesamtbewertung einer Verbindung
kann man dazu einen Zeitreservefaktor benutzen. Dieser ergibt sich aus
der tatsächlich verfügbaren Abstandszeit im Verhältnis zur
Mindestabstandszeit. Da eine Zeitreserve, die etwa mehr als das Dreifache
der Mindestabstandszeit beträgt, sinnlos und in der Regel unerwünscht
ist, bleibt die darüber hinausgehende Zeit unberücksichtigt.
Bei mehreren Umsteigevorgängen wird jeweils ein Reservefaktor gebildet
und davon der niedrigste genommen.
Anhand des 2. Beispieles
aus dem Kapitel Problemdarstellung
sollen nun Vorgehen und Wirkung gezeigt werden. Die prinzipielle Vorgehensweise
ist dieselbe wie im vorangegangenen Beispiel, allerdings ist nun zu beachten,
daß einer der Werte, nämlich die Zeitreserven beim Umsteigen,
nicht minimiert sondern maximiert werden sollen. Beim Übertragen dieser
Werte auf die Einheitsskala ist daher nach dem Skalieren noch die Differenz
zum Skalenmaximum (hier 100) zu bilden. Es wird diesmal der Bahncardtarif
verwendet. Als Mindestabstandszeit wird fünf Minuten angenommen. Die
standardisierten Werte lauten somit:
| Verbindung |
stand.
Fahrzeit |
stand.
Fahrpreis |
stand.
Umsteige-
häufigkeit |
stand.
Zeit-
reserve |
EC 18
ab München Hbf 10:46, an Ulm Hbf 12:03
RE 3460
ab Ulm Hbf 12:14, an Giengen (Brenz) 12:48
2:02 Stunden
DM 30,50 inkl. Zuschlag
einmal Umsteigen
Abstandszeit 11 Minuten
Zeitreserve 2,2-fache Mindestzeit |
96,1 |
100 |
100 |
26,7 |
ICE 796
ab München Hbf 10:41, an Ulm Hbf 11:49
RE 3460
ab Ulm Hbf 12:14, an Giengen (Brenz) 12:48
2:07 Stunden
DM 30,-
einmal Umsteigen
Abstandszeit 25 Minuten
Zeitreserve 5-fache Mindestzeit (limitiert auf 3-fach) |
100 |
98,4 |
100 |
0 |
Nachstehend folgen nun wieder zwei Bewertungen der beiden Verbindungen.
Bei der ersten Bewertung werden Fahrzeit, Fahrpreis und Umsteigehäufigkeit
mit jeweils gleicher Gewichtung (1/3) berücksichtigt, die Zeitreserven
beim Umsteigen bleiben außer Acht. Bei der zweiten Bewertung werden
nun diese Zeitreserven mit einbezogen, die Gewichtung wird wieder auf alle
Faktoren gleichmäßig verteilt (je 1/4).
| Verbindung |
33,3% Fahrzeit
33,3% Fahrpreis
33,3% Umsteigehäufigkeit |
25% Fahrzeit
25% Fahrpreis
25% Umsteigehäufigkeit
25% Zeitreserve |
EC 18
ab München Hbf 10:46, an Ulm Hbf 12:03
RE 3460
ab Ulm Hbf 12:14, an Giengen (Brenz) 12:48 |
1/3*96,1+1/3*100+
1/3*100=
98,7 |
1/4*96,1+1/4*100+
1/4*100+1/4*26,7=
80,7 |
ICE 796
ab München Hbf 10:41, an Ulm Hbf 11:49
RE 3460
ab Ulm Hbf 12:14, an Giengen (Brenz) 12:48 |
1/3*100+1/3*98,4+
1/3*100=
99,5 |
1/4*100+1/4*98,4+
1/4*100+1/4*0=
74,6 |
Folgendes läßt sich ableiten: Ohne Berücksichtigung
werden die beiden Verbindungen tatsächlich als annähernd gleichwertig
betrachtet, wie dies bereits im Kapitel
Problemdarstellung vermutet wurde. Dies ist nicht weiter verwunderlich:
Die Fahrzeiten und Fahrpreise sind annähernd, die Umsteigehäufigkeit
ist sogar exakt gleich. Den Ausschlag für die EuroCity-Variante gibt
dann letztendlich die um fünf Minuten kürzere Fahrzeit.
Unter Berücksichtigung der Zeitreserven beim Umsteigen wendet sich
das Blatt zugunsten der ICE-Variante. Dem sichereren Anschluß wird
hier Vorrang gegenüber marginalen Fahrzeitunterschieden eingeräumt.